Archive für 8.4.2009

Gott ist anders. Er ist keine Formel.

Später Abend. Vollmond. Ich sehe aus meinem Fenster im Stift Admont. Der Innenhof ist erleuchtet vom Mond. Wieder liegt ein Tag hinter mir. Seit Freitag letzter Woche bin ich da. Habe mein Zimmer etwas eingerichtet und fühle mich ein… komme an… Zur Zeit sind “kleine” Exerzitien, der Altabt von Melk hält der Gemeinschaft geistliche Vorträge. Meine Gedanken streifen die Themen… ich versuche sie hier etwas niederzuschreiben.

Eine Geschichte. Eine Menschenmenge kommt zu einem Mystiker und bittet ihn, von Gott zu sprechen. Er weigert sich. Er könne nicht von Gott sprechen, Gott lasse sich nicht mit Worten benennen und einfassen. Gott könne auch nicht in eine Formel gepresst werden. Die Menschen sind nicht zufrieden, sie drängen ihn. Er gibt nach und erzählt, wie er Gott sieht und versteht. Die Menschen lauschen seinen Worten, notieren jedes Wort. Sie machen daraus ein Glaubensbekenntnis, später ein Heiliges Buch. Doch dann… bringen sie alle Menschen um, die nicht so glauben wie sie. Sie tun es im Namen Gottes.

Eine Geschichte, die mich berührt und mich traurig macht. Gott ist in der Tat keine Formel. Wie ist Gott? Wo ist Gott? Der Hl. Benedikt schreibt in seiner Ordensregel oft davon, dass man als Mönch in der Gottesfurcht leben solle. Müssen wir Angst haben vor Gott? Ist er ein Polizist, ein Aufseher? Ehrfurcht vor Gott haben heißt: ihn liebend anschauen, sich in der Schlichtheit meines Seins nähern können und ihm die Ehre erweisen, ihn zu achten, wertzuschätzen. Die Fage im Kloster nach der Benediktregel gilt jedem: Suchen wir wirklich Gott? Bei all unserem geistlichen Tun… oder suchen wir nur unser Ego, unsere Ich-Zentrierung. Gewiss, das eigene SELBST zu suchen wäre schon ein Fortschritt gegenüber der permanenten Ich-Suche. Unsere Ich-Rollen sind die funktionalen Egos, die wir zu realisieren suchen. Aber unser Selbst… es ist in der Mitte unseres Seins verborgen, zeigt sich nicht offenkundig wie die Rollen, die wir spielen, ob in der Schule als Lehrer, daheim als die Mutter oder Schwester, bester Freund oder Kumpel, des Sportkollegen oder Chefs - wie auch immer. Das Selbst meines Wesens ist das Fenster durch das hindurch ich Gottes wahres Sein erkennen kann. Wir sind nach seinem Ebenbild erschaffen, heißt es im Buch Genesis, “imago dei”. Leben wir auch so? In Ehrfurcht vor dem eigenen kostbaren Leben, vor dem Geschenk des Lebens insgesamt, dem des Anderen, der ganzen Schöpfung?

Wenn ich in dieser Weise Gott liebe, dann muss ich laufen, rennen, sagt Benedikt! Dann laufe / renne ich meinen Weg zu Gott hin, nichts kann mich aufhalten. Das Ziel vor Augen geht es nicht anders. Ein wunderbarer Gedanke, der in der deutschen Übersetzung der Regel anscheinend nur sehr schwach zum Tragen kommt durch “der geht seinen Weg”… - nein, er rennt, er läuft ihn! Sozusagen: Wir müssen Gott laufend lieben! ein schönes Wortspiel. Gleichzeitig kommt uns Gott in der “amans memoria dei” in der liebenden Erinnerung Gottes entgegen. Nur Blinde laufen aneinander vorbei! Wo so geliebt wird, wo ich so tatsächlich den anderen in seinem Wesen sehe und erkenne… bin ich ganz bei mir und in meinem Selbst.

Wir atmen so sehr den Zeitgeist, aber: atmen wir auch den Geist Gottes ein? Wir beklagen uns darüber, dass sich so vieles in der Kirche verändert habe, dass nichts mehr sei wie früher. Vor allem an Traditionen hängende Menschen schmerzt dies. Aber steckt nicht allem Sein auch das Werden inne? Ist nicht alles an Schöpfung dem Kommen, Werden, Gehen unterworfen? “Die ganze Schöpfung liegt in Geburtswehen” sagt Paulus. Mit Recht! Es ist eine kreatorische Dynamik, die uns antreibt. An den grauen Haaren sehen wir den Verfall, an der Reife die Veränderung, am Sterben das im Sein inbegriffene Loslassen allen Seins. Die Koordinaten der Welt haben sich verändert, daher muss auch der Mensch sich der Veränderung unterwerfen. Wir können bewahren, was gut und richtig ist, altes hervorholen, wenn es scheint, dass dies notwendig erscheint, aber letztlich sind wir der Vergänglichkeit unterworfen und müssen uns auf diese Wirklichkeit jeden Tag einstellen! Nichts bleibt wie es war, nichts wird sein wie es gerade ist, aber alles wird werden wie es sein soll oder zumindest sein kann. Das ist eine Erkenntnis, die mir immer deutlicher vor Augen tritt!

Doch mit all diesen Veränderungen geht auch die Frage einher: Suchen wir wirklich Gott? Was will der HERR von uns in den Stunden, in denen sich die Erde dreht und sich - von jetzt auf gleich - die Koordinaten dieser Welt wieder verändert haben? Geraten wir nicht immerzu in Gefahr, das Alte so festzuklammern, dass wir daraus eine Ideologie machen? Was wollten die Menschen von jenem Mystiker, von dem ich eingangs schrieb? Sie wollten weisheitliche Lehrformeln über Gott. Nachdem sie diese erhalten hatten, schwarz auf weiß, machten sie daraus ein Dogma, eine heilige Lehre, eine Lehrformel. Dann fertigten sie ein heiliges Buch an. Und mit jedem Buchstaben des Buches erschlugen sie jene, welche nicht an die Lehrformel glauben wollten oder konnten. Ist das nicht unsere Kirchengeschichte, wie sie beschrieben ist? Ist die Lehrformel für viele Menschen nicht längst zur Leerformel geworden? Ein kluger Mensch sagte einmal: “Eine revolutionäre Idee verrät sich selbst, wenn sie zur Institution wird.” Da ist etwas dran. Darüber müssen wir als Kirche im Nachdenken bleiben.

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