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30.11.2007 von Jeremias.
Wenn jemandem der Geduldsfaden reißt oder ein Mensch auf die Geduldsprobe gestellt wird, wenn Ihre Geduld am Ende ist oder Sie die Geduld verlieren – dann spüren Sie, dass dieses Gefühl eine gewisse Unruhe hinterlässt. Patienten sind in der Regel selten geduldig, nicht umsonst ist die Übersetzung für Geduld das lateinische Wort „patientia“. Von Geduld hat man in der deutschen Sprache das Wort „dulden“ abgeleitet, das heißt, man lässt etwas geschehen oder hält es aus, dass etwas geschieht.
Das Wort „Geduld“, das Martin Luther oft in seiner Bibel mit Langmut übersetzt, kommt vom altgermanischen „ga-thuldis“ und hat mit „tragen“ bzw. „ertragen“ zu tun. Geduld ist etwas anderes als Langmut.
Im Wort Geduld drückt sich demnach aus: dass ich etwas ertragen kann, aushalte, vielleicht sogar erleide. Im Jakobusbrief findet sich eine Passage, welche die Gemeinde zur Geduld aufruft. Es heißt dort: „Darum, Brüder (und Schwestern), haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig, bis im Herbst und im Frühjahr der Regen fällt. Ebenso geduldig sollt auch ihr sein. Macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor … Wer geduldig alles ertragen hat, den preisen wir glücklich. Ihr habt von der Ausdauer des Hiob gehört und das Ende gesehen, das der Herr herbeigeführt hat. Denn der Herr ist voll Erbarmen und Mitleid“ (Jak 5,7–11).
Am heuten 30. November gedenkt die Kirche des Apostels Andreas. Sein Tod an einem X-förmigen Kreuz, dem Andreaskreuz, stellte ihn auf eine harte Probe. Er ertrug und erduldete diese Qual für seinen Glauben, für die Überzeugung, dass Gott ein Gott des Lebens ist. Ich wünsche Ihnen heute viel Geduld – mit sich selbst und den anderen. Auch im Leid.
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29.11.2007 von Jeremias.
Es ist ein wunderbares Wort: Sanftmut. Es klingt zärtlich, bescheiden, demütig, leicht und doch trägt es in sich auch den Hauch von Bestimmtheit, von Klarheit, von Offenheit dem anderen gegenüber. Jesus preist nicht nur die Sanftmütigen glücklich, weil sie keine Gewalt anwenden (vgl. Mt 5,5), sondern er selbst sieht sich als sanftmütig und von Herzen demütig, so dass wir von ihm lernen können (vgl. Mt 11,29).
Wer wirklich als Christ leben will, der sollte von dieser Sanftmut Jesu durchdrungen sein. Ob als Lehrer in der Schule oder als Eltern, die ihre Kinder erziehen - die Zeiten der Stockhiebe sind Gott sei Dank vorbei, der Geist der Sanftmut, wie Paulus es einmal sagt, sollte unsere Form der liebenden Pädagogik sein. Die Menschen werden uns daran erkennen, ob wir diese Sanftmut selbst leben, ob wir auf diese Weise unsere Gemeinden, Familien und Arbeitsplätze prägen. Diese Sanftmut kann zum Vorbild auch für andere werden, wenn es von innen heraus geschieht. Der Jakobusbrief mahnt daher eindringlich: „Darum legt alles Schmutzige und Böse ab, seid sanftmütig und nehmt euch das Wort zu Herzen, das in euch eingepflanzt ist und das die Macht hat, euch zu retten.“ (Jak 1,21).
Das Wort, das da in mich eingepflanzt wird, ist das Wort der Liebe. Im langsamen Zugehen auf die Zeit des Advents erahne ich es in der Gestalt Jesu. Er ist die Sanftmut, die von Herzen kommt, wenn ich ihn mir zu Herzen nehmen! Es ist die Sanftmut, die mich erfüllt, wenn ich ein Neugeborenes in Händen halte, behutsam, vorsichtig und zärtlich. Letztlich ist es die Sanftmut Gottes, die mich bereits liebevoll umgibt, so dass ich selbst sanftmütig werde. Bei aller Unruhe und manchem, was uns widerfährt wünsche ich Ihnen heute diesen Hauch von Zärtlichkeit! Sanftmut.
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27.11.2007 von Jeremias.
Es sind die guten Ratschläge der geistlichen Begleiter und Psychotherapeuten, die unisono verlauten lassen: „Sie müssen unbedingt entschleunigen!“ – Ein wunderbares Wort! Entschleunigung. Autofahrer kennen den „Beschleunigungsvorgang“, von „Null auf Hundert“. Das gibt es auch bei mir manchmal: da werde ich emotional und laufe dann auf Hochtouren.
Wie wäre es, wenn Sie heute mal genau das Gegenteil machen: Statt auf Hochtouren laufen, üben Sie schon gleich an diesem Montag die Ent-schleunigung. Es ist ein langsames Zurücklaufen- und Auslaufen-lassen. Das nennt man dann „langsam zur Ruhe kommen“. Andere sagen, dass sie „die Seele mal baumeln“ oder „den lieben Gott einen guten Mann“ sein lassen. Können Sie das überhaupt – zur Ruhe kommen, die Seele wirklich baumeln lassen?
Immerhin: Es kann sich daraus eine geistliche Dimension erschließen: Ein Bleiben bei mir selbst. Zeit haben für mich und meine Gedanken, Gefühle wahrnehmen, mein Leben mit all seinen Facetten bewusst spüren. Es ist ein Bleiben ohne Alltags-Muss, ohne Geschwindigkeit, ohne Druck. Es ist entschleunigtes Verweilen bei sich selbst. Entschleunigung will den Druck rausnehmen, das Ventil öffnen, Dampf ablassen und dann zur Ruhe kommen. Es bedeutet auch, sich nicht mitreißen und treiben zu lassen, sondern auszusteigen und am Bahnhof stehen zu bleiben, während der ICE schon wieder davon braust. Die Ruhe, die dann einkehrt, kann durchaus Ängste hervorlocken, bis hin zur Einsamkeit und sogar zur Depression. Entschleunigung konfrontiert uns mit unserem wahren Selbst, mit dem, was Gott mit mir vorhat; mit dem, der ich sein kann, wenn ich sein darf! Ich wünsche Ihnen einen ruhigen Tag, der Sie mit dem Wesentlichen in Kontakt treten lässt. Mit sich selbst!
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1.11.2007 von Jeremias.
Wieso brauchen Protestanten eigentlich keine Heiligen? Gestern noch Reformationstag, heute Allerheiligen. Die Frage ist berechtigt. Es lebt sich ja auch ganz gut ohne Heilige. Allerdings: Die Menschen suchen zu allen Zeiten. Sie suchen nach Orientierung, eine Antwort auf die Sinnfrage, sie suchen – ab und an – auch Gott. Das verbindet uns mit allen Jahrhunderten. Die, von denen die katholische Kirche behauptet, sie hätten Antworten gefunden, nennen wir Heilige. Sie waren Spurensucher. Fährtenleser der Spuren Gottes. Aber ihre Suche zeigt das Auf und Ab, offenbart Glaube und Zweifel. Sie akzeptierten ihr Schicksal, etwa Verspottung und Verfolgung, und kämpften auch dagegen an. Sie haben lichtvolle Momente der Klarheit und doch auch „dunkle Nächte“ wie Johannes vom Kreuz und manchmal dunkle Vorgeschichten wie Ignatius von Loyola. Sie sind geprägt und erfüllt von tiefer Glaubensmystik wie Hildegard von Bingen, und doch kennen sie auch die Gottleere wie Franz von Assisi oder Mutter Teresa. Aber – vom Himmel herab – stellen sie uns heute die Frage: Wonach suchst du? Was ist dein Lebensziel?
Brauchen das Protestanten nicht? Doch! Und sie tun es! In Martin Luther sehen sie als kritischem Denker der Vernunft ebenso ein Vorbild wie in Dietrich Bonhoeffer als Widerstandskämpfer gegen die Nazidiktatur. Martin Luther King ist für sie ein politisches Befreiungsvorbild, in Gerhard Terstegen sehen sie einen genialen Mystiker ebenso wie in Frère Roger Schütz, dem Gründer der Gemeinschaft von Taizé einen Glaubenszeugen, der selbst im Tod, im brutalen Mord, den man an ihm verübte, die Versöhnung im Herzen trug und lebte. Es ist an uns Katholiken, von den Protestanten etwas zu lernen! Es geht nicht darum, die Heiligen auf einen Sockel zu stellen! Ich denke an Sr. Rosa Flesch, die Gründerin der Waldbreitbacher Franziskanerinnen. Was hat man sie zu Lebzeiten in die Ecke gestellt, ihr Lebenswerk missachtet, sie im eigenen Orden gemobbt. Und jetzt, jetzt macht man aus ihr eine Heilige, eine Sockelfigur!
Das Evangelium vom heutigen Festtag (Matthäus 5,1-12a) gibt uns Anhaltspunkte der Spuren und Fährte Gottes. Die Seligpreisungen zeigen uns, wo wir Schwerpunkte setzen können. Es muss uns als Christen darum gehen, schlicht und einfach zu bleiben. Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit müssen unser Dasein erfüllen. Barmherzigkeit im Umgang mit uns selbst und mit anderen muss die oberste Leitlinie sein. Friedensstifter sollen wir sein, Mediatoren Gottes zwischen den Menschen! Und: Wir müssen es aushalten, dass andere uns deshalb belächeln.
In diesen Punkten waren die Heiligen tatsächlich Vorbilder. Ganz unterschiedlich. Keiner hat alles erfüllt, keiner von ihnen war vollkommen. Aber wichtig ist das: Nicht auf einen Sockel zur Anbetung sollten wir sie stellen oder mit ein paar Kerzen versorgen, sondern neben uns, als konspirative Spurensucher und Fährtenleser Gottes. Neben uns gehören sie, an unsere Seite, als Schwestern und Brüder im Glauben. Sie können uns inspirieren mit ihren Erfahrungen und ihrem Leben. Wir wissen oft viel zu wenig von ihren Kämpfen und ihrem Suchen. Schauen wir hin, nicht zu ihnen hinauf!
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